Ich widme meinen allerersten Blogeintrag…
… sieben netten Menschen, die ich am 14.11.2009 das erste Mal traf.
… sieben netten Menschen, die ich am 14.11.2009 das erste Mal traf.
Vor einigen Tagen war ich Abends zu einem Essen in der mondänsten aller Rhein-Städte. Die Gesellschaft bestand aus zahlreichen Menschen zwischen 30 und 40 Jahren – überwiegend Angestellte eines großen Mobilfunkanbieters und überwiegend hoffnungsvoll „Nachwuchs-Führungskräfte“ tituliert.
Als nach einiger Zeit das Sparkassen-Slogan-mäßige Gespräch („Mein Auto, mein Haus, mein Boot“) in die Frage nach meinem Beruf mündete, sagte ich „Buchhändlerin in einem Antiquariat in Aachen“. Daraufhin ergriff ein junger Mann gegenüber das Wort und rief hochgradigst erfreut aus „Oh, das hab ich auch mal 2 Jahre gemacht – so hobbymäßig. Ich hatte damals ganz viele Bücher geerbt“.
Er war so euphorisch, dass er meine für den Bruchteil einer Sekunde schreckgeweiteten Augen nicht sah.
Es begann eine lange Aufzählung von Internetseiten, auf denen er seine Bücher erfolgreich verkauf hatte. Da ich merkte, dass ich sowieso keine Chance hatte, auch nur ein Wort dazwischen zu werfen, fragte ich mich lieber insgeheim, warum der Beruf eines Antiquars von offenbar jedem auszuüben ist.
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Vielleicht liegt es daran, dass in einem Buch ja alles steht, was man wissen “muss”. Auf einem Roman steht Roman, in einem medizinischen Werk sind Abbildungen der entsprechenden Körperteile, die es behandelt. Für alles andere gibt es ja seit einigen Jahren noch den Klappentext.
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Während mein Gegenüber mit leuchtenden Augen von den schönen uniformen Einbänden seiner Reader’s Digest-Bände erzählte, fragte ich mich ernsthaft, was ich kann, was nicht jeder kann.
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Nun, ich kann Lesen und Schreiben. Ich kann Latein. Ich gerate bei naturwissenschaftlichen Fragen auch nicht sofort ins Schleudern. Ich habe Ahnung von Literaturgeschichte. Die wichtigsten Daten seit dem Mittelalter kann ich auch in die richtige Reihenfolge bringen. Bei Jauch komme ich – so der Kandidat es zulässt – bis zur viertelmillionen-Frage, meistens zumindest.
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Zwischendurch spürte ich, wie mich wieder einmal ein mitleidiger Blick traf, als „Michael“ erzählte, er habe für das tolle Buch, in dem die Heiligen mit ihren Gedenktagen beschrieben waren, 5,30 Euro bei ebay bekommen.
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Ich kam zu dem Schluss, dass ich nichts richtig kann – außer lernen.
Das Wissen eines Antiquars darf nie eine Konstante sein. Mir fiel ein, dass hier in der Xing-Gruppe immer die Menschen bei den Händlern anecken, die nicht allzu lange in dem Beruf tätig sind, aber auftreten, als bräuchten sie nichts mehr lernen. Wenn diese Menschen eine Frage stellen, ist man nicht bereit, ihnen zu helfen. Vielleicht, weil man das Gefühl hat, sie würden das Wissen nicht schätzen. Das ist seltsam, denn gerade die Erfindung des Buchdruckes – von dem wir alle leben – verursachte doch den Einsturz des Wissensmonopols.
Warum verhalten sich Antiquare hier offenbar verschwiegener als die katholische Kirche?
Nun, Antiquare wollen, dass man den Schatz ihres Wissens auch als solchen wahrnimmt. Sie möchten gefragt werden, oder noch besser, um ihre Meinung gebeten werden. Dann helfen sie gerne und sind meist nicht mehr zu bremsen.
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Alles um mich herum lachte über einen von Michaels Witzen,
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ich lächelte auch, weil ich gerade daran dachte, wie ich kürzlich 520 unnummerierte Blatt einer Incunabel zählte und dabei acht Mal unterbrechen musste, weil Kunden in den Laden kamen, die sowieso nichts kaufen wollten. Ich war – ehrlich gesagt – kurz davor, den Laden von innen abzuschließen. Getan habe ich es aber doch nicht: es hätte ja der eine Kunde kommen können, der sich wirklich für die Bücher in den Regalen interessieren würde. Der Glaube an den einen, der ernsthaftes Interesse für das Wissen vergangener Zeiten zeigt, verschwindet wohl nie aus dem Kopf des Antiquars.
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Michael erzählte, dass er sogar seine alten Bücher wie die anderen Antiquare ins ZVAB eingestellt habe.
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Ich dachte daran, wie oft ich im Laden Bücher zum Ankauf abgelehnt habe, weil der Rücken fehlte und daraufhin hörte: „Das Buch ist nun mal von 1904 – das ist bei alten Büchern halt so“ Ich sagte daraufhin – umgeben von Büchern des 15.-17. Jahrhunderts – „Schauen sie sich um, die Bücher hier sind teilweise 400 Jahre älter.“
Ja, man mag es für arrogant halten, man mag sich als Kunde ärgern, dass der Antiquar lieber lesend auf der Leiter steht als zum 23. Mal am Tag herunterzukommen, um vermeintlich das 27. Mal zu hören: „Ich schau mich nur mal um“ – oder (mein erklärter Lieblingssatz von Kunden) „Ich seh’ schon, sie hamm nichts“.
Bitte liebe Kunden und Sammler, sehen Sie uns nach, wenn wir uns nicht gleich auf Sie stürzen, sobald Sie den Laden betreten, Sie sind eher der Einzelfall als die Regel – wir wollen Sie ja auch nicht gleich wieder verschrecken!
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Während Michael nun zum Gipfel seiner Form auflief (einem Gebetbuch von 1880 mit Papier, das so zerbrechlich war, dass man es bestimmt nur mit Handschuhen hätte anfassen dürfen, was ER natürlich nicht getan hat – also so ganz teures dünnes),
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musste ich beinahe kichern, als ich an die Dame dachte, die uns die Bibliothek ihres Onkels anbot und sich im Gehen an der Türe umdrehte, um in den Raum zu werfen „Und eine Gutenberg-Bibel ist auch dabei!“. Mein Chef und ich sahen uns mit großen Augen an. Er „DAS glaube ich NICHT, Frau Meyer.“ – Sie: „DOCH! – Es steht nämlich drin.“ – Er: „Na dann!“ Wir hätten natürlich gerne auch ein Faksimile der besagten Bibel gekauft, oder aber der Dame zumindest erklärt, was eine Gutenberg-Bibel ist, aber dadurch, dass sie derartig auf ihrer Meinung bestand, haben wir sie vorerst in dem Glauben gelassen und ihr nicht gesagt, dass ausgerechnet in der Gutenberg-Bibel eben gar nicht drinsteht, was es ist. (Es stellte sich nachträglich heraus, dass es sich um eine Luther-Bibel von 1880 handelte, weil man als Antiquar ja trotzdem hinfährt, um sich die Bücher anzusehen.)
Was kann ich noch? Ich kann Fragen stellen, und nett lächelnd zuhören. Vielleicht ist das auch der größte Schatz eines Antiquars. Zu erkennen, wann man schweigt und dem Sammler gegenüber zuhört, der sich seit 367 Jahren dogmatisch mit ein und derselben Sache befasst. Vielleicht ist es das Erkennen der eigenen Grenzen mit dem Wunsch, diese ständig auszuweiten. Ich denke sogar, dass gut 30% meines Wissens aus Gesprächen mit Sammlern stammen. Eigentlich muss man nur genug wissen, um einen Sammler zum Reden zu bringen. ![]()
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Nein, für so viele Bücher hätte er ja nun wirklich keinen Platz gehabt – verkündete Michael gegenüber.
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Sammler, irgendwo muss auch ein Stück weit jeder Antiquar ein Sammler sein, um die Begeisterung eines Kunden nachvollziehen zu können und ihm zu erklären, warum ausgerechnet dieses Buch seine Sammlung bereichern würde. Er muss seine Bücher lieben – aber nicht so sehr, dass er sie hüten will wie Gollum seinen Ring. Das Credo, was mir am nachhaltigsten im Kopf geblieben ist, ist: „Ein Antiquar sollte nie sammeln, womit er handelt“. Das wirkt ein wenig, als müsse man den armen Antiquar vor sich selbst beschützen, trifft die Sache aber meiner Meinung nach.
Ich z.B. habe keinen Hang zur Kriminalität, aber als ich die Pergament-Gutenbergbibel in der Library of Congress sah, habe auch ich auf das Schloss der Vitrine geschielt und gedacht “(M)Ein Schatz!”
Sich immer nach der Decke strecken, das ist dem Sammler und dem Antiquar gemein. Ein ernsthafter Sammler, der seine Sammlung komplettiert hat, kann doch eigentlich nur noch sterben, oder?
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“Nein, heute habe ich für sowas keine Zeit mehr. Die Reste verkauft jetzt meine Frau – wir haben ja die Software dafür, die ich damals schnell mal geschrieben habe.”
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Irgendwann war der Abend zuende, ich zog eine Visitenkarte aus der Tasche und reichte sie Michael mit den Worten: „Wenn Du mal in Aachen bist, komm’ vorbei.“ Er musterte sie kurz und sagte: „Was ist denn Incunabula?“. Ich sagte: „Frühe Bücher“ und ließ es dabei bewenden. Ich hoffe für ihn, er hat es wenigstens mal gegoogelt – ansonsten würde ich mir ernsthaft Sorgen um den Menschen machen, der wohl ein Vielfaches meines Jahresgehaltes bekommt.
Das ist es, was den Antiquar ausmacht – das Wissen, dass er nie alles wissen wird, das Erkennen, wann er schweigen sollte – und die Fähigkeit, an beidem trotzdem nicht zu verzweifeln.